Prof. G. L. Huber, Univ. Tübingen
Vortrag:
"Gamers World": Reaktionen auf öffentliche Kritik
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Prof. G. L. Huber
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Abstract Vortrag
Ein TV-Bericht über brutale Computerspiele und ihre Liebhaber löste 2004 eine Welle mehr
oder weniger verärgerter Reaktionen der Spieler aus. Im elektronischen Forum des
TV-Senders gingen 936 Kommunikations-Threads mit je ein bis 24 Beiträgen ein.
Durch Auswahl jedes zehnten Threads wurde eine Zufallsstichprobe gebildet und analysiert.
Drei Fragen leiteten die Analyse:
(1) Wie reagieren die Liebhaber gewalttätiger elektronischer Spiele auf
Kritik an ihrem Hobby?
(2) Kann man aus diesen Reaktionen auf subjektive Sichtweisen schließen,
unter denen Liebhaber brutaler elektronischer Spiele die Welt wahrnehmen, insbesondere
auf Zusammenhänge oder Grenzen zwischen virtueller und realer Umwelt?
(3) Wie kann man sicherstellen, dass wir die Reaktionen/Botschaften an das
Forum zutreffend interpretieren?
Der Beitrag wird die wichtigsten Antworten auf die Fragen (1) und (2) skizzieren
und die mit Frage (3) verknüpften epistemologischen Probleme erhellen.
Der Ansatz der "subjektiven Theorien" versucht Frage (3) auf der Basis eines
Bilds vom Menschen als "reflexivem Subjekt" (Groeben & Scheele, 1977) dadurch
zu beantworten, dass er einen zweiphasigen konfirmatorischen Forschungsprozess
vorschlägt, der auf die traditionelle Erhebung und Interpretation qualitativer
Daten - zumeist Texte - folgt. Die "kommunikative Validierung" als erster Schritt
verwendet das Kriterium des Dialog-Konsens und prüft, ob die Motive, Absichten,
Ziele, etc. der Textproduzenten angemessen rekonstruiert wurden. Die "explanatorische
Validierung" als zweiter Schritt beruht auf den traditionellen Kriterien der
Falsifikation und prüft, ob die Interpretation der Realität entspricht, d.h. in
diesem Schritt werden Kontextbedingungen und Handlungen der Textproduzenten beobachtet
(Groeben, 1990).
Aus konstruktivistischer Sicht ergeben sich Zweifel, ob die kommunikative
Validierung mehr sein kann als ein infiniter Zyklus von Interpretationen.
Ein Dialog, der linguistisch zu bestätigen versucht, ob ein Forscher die Gedanken
eines Textproduzenten zutreffend gedeutet hat, beruht auf wechselseitigen
Interpretationen. Forscher wie Textproduzent interpretieren die Äußerungen
des jeweils anderen "immer mit Hilfe von Begriffen und begrifflichen Strukturen,
die der/die Interpretierende aus den Elementen seines/ihres subjektiven
Erfahrungsfeldes geformt hat" (von Glasersfeld, 1991, S. 23). Außerdem muss
ernsthaft gezweifelt werden, ob der Dialogkonsens als "Wahrheitskriterium" gelten kann.
Widerum in von Glasersfelds (1991, p. 23) Worten: "Eine Übereinstimmung zu finden
bedeutet schlicht keine Diskrepanzen zu bemerken." Schließlich ist zu fragen, ob in
Fällen wirklich diskrepanter Orientierungen wie in Dialogen mit Liebhabern brutaler
elektronischer Spiele, religiösen Extremisten oder Fundamentalisten jeglicher Art
überhaupt ein wissenschaftlicher Dialog als methodologisches Instrument zur Erzielung
von Konsens geführt werden kann: Ein Dialog sollte nicht dem einen Partner die
Sichtweise des anderen aufzwingen, weshalb die Kommunikation durch die Merkmale
der Symmetrie und Akzeptanz ausgezeichnet sein sollte. Das oft diskutierte Problem
der Reaktivität von Dialogen kann dazu führen, dass ein Partner sich durch die
Akzeptanz seiner Position bestätigt und verstärkt fühlt.
Wenn Repräsentationen der Weltsicht anderer Menschen nicht in Interaktion mit
diesen anderen konstruiert werden können, erhalten qualitative-interpretative Ansätze
als Vorbereitungsphase für Beobachtung und Falsifikation jedoch besondere Bedeutung
(siehe "QUAL-quan" bei Morse, 2003). Im Fall der Liebhaber brutaler elektronischer
Spiele zeigte eine zweijährige Längsschnittstudie (Hopf, Huber & Weiss, 2008), die
nicht nur die Häufigkeit des Spielekonsums, sondern auch Schul- und Familienkontext
sowie persönliche Charakteristika berücksichtigte, dass die exzessiven Spieler in der
Stichprobe zwölfjähriger Spieler/innen im Alter von 14 Jahren sich deutlich aggressiver
und häufiger delinquent verhielten.
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